Texte zu "Embassy of Trees"

Fabian Lasarzik I Kunstwissenschaftler:

 

Kirche und Kunst

Ist es nicht eigenartig, dass in der sakralen Kunst die Schöpfung selbst, das von Gott geschaffene Ergebnis, nämlich die Natur, der Mensch, ja die Welt kaum Inhalt des Werkes sind? Das finden wir in der kirchlichen historischen Kunst. Und gleichsam handeln zwei der berühmtesten Bilder der Kunstgeschichte von der Schöpfung und thematisieren diese:

Ich spreche von Botticellis „Die Geburt der Venus“, aber auch „La Primavera“, die uns faszinieren, weil sie die Entstehung der Welt mit ihren Elementen, Luft, Wind, Wasser, Pflanzen, Menschen thematisieren. Götter der griechischen Mythologie hauchen den unbelebten Dingen leben ein und erschaffen die Welt in ihrer Schönheit. Die Auftraggeber dieser Bilder sind nicht Vertreter der Kirche, sondern florentinische Kaufleute die Medici. Diese Bilder sind beliebter und uns näher als viele der wunderbaren Werke der klassischen sakralen Kunst mit ihren Christus und Mariendarstellungen oder Szenen aus der Bibel.

Themen, die selbstreferentiell den Glauben, seine Protagonisten und seine Erzählweisen zum Inhalt haben. Selten aber, sehr selten, die Schöpfung selbst, die eigentlich das Wichtigste ist, was Gott erschaffen hat.

Der Regisseur Max Reinhardt hat einmal gesagt: Gott hat die Welt erschaffen, aber der Mensch hat sich eine zweite Welt erschaffen, die Kunst.

Haben wir es hier mit einer Dichotomie zu tun und ist der Grund, warum wir heute hier bei „Embassy of trees“ zusammen eine Kooperation zwischen Kirche und freier Kunst erleben wirklich so ungewöhnlich? Gerade weil wir hier mit Ellen Bornkessels Bäumen, das Thema der Schöpfung zum Inhalt haben?

Den freien Kunstbegriff gibt es erst seit dem 20. Jhd. Vorher gab es sakrale Kunst, rituelle oder repräsentative Kunst:

Kunst und Kirche müssten doch zusammenfinden, wo sie doch eigentlich eine gemeinsame Bestimmung haben: Zu zeigen: Es geht auch anders, ab vom alltäglichen Leben zu zeigen und auf Alternativen zu unserer profanen, alleinig zweckbestimmten Existenz zu verweisen und somit eine außerhalb dieser Kategorien liegenden Orientierung zu verweisen.

Der Kölner Dom als Weltkulturerbe und große kirchliche Institution ist hier schon öfter neue Wege gegangen und hat sich geöffnet, beispielsweise mit den Arbeiten Joseph Beuys oder Gerhard Richters in und am Dom. Wenn auch im kleinen und nur temporär wird diese Tradition heute ein wenig fortgesetzt.

„Embassy of Trees“ bietet hier auch schon formale Analogien. So sind Bäume immer als Symbol für die Verbindung von Himmel und Erde.

Die (Korinthischen) Säulen sind daher den Bäume nachempfunden, die sozusagen das Dach des Himmels tragen.

 

Inhaltlich ist es neu, dass Kunst und Kirche gemeinsam Antworten geben und den (teils so bequemen) Raum, der nur beschreibt und abstrakt ermahnt, verlassen und auf die Notsituation eines Teil der Schöpfung hinweisen in Zeiten, wo Politik diese Orientierung teils vernachlässigt bzw nicht mehr gehört werden will?

Wenn wir uns schon religiös und gläubig fühlen, indem wir Wälder und Bäume schützen und uns ihrer tieferen Kraft, Erhabenheit und Schönheit bewußt werden, war es selten einfacher religiös zu sein, aber gleichzeitig auch niemals nötiger.

Insofern möchte ich dem Dom zu Köln und der Künstlerin Ellen Bornkessel gratulieren zu ihrer Zusammenarbeit, denn in diesen Zeiten wird hier etwas zusammengeführt, was zusammengehört.

Ellen Bornkessel geht in den Wald und fotografiert Bäum, hier ganz in der Nähe in Köln. Hier betont sie nicht das Blattwerk, den einzelnen Baum, das wie gestellte Ensemble der Baumgruppen, das Licht oder die Formen oder Farben.

Kann sie nicht mal ein bisschen Abstand nehmen? Wo ist denn da die Distanz? Man kann ja kaum etwas deutlich erkennen! Soll man auch nicht!!

Es geht ihr ums Ganze. Vor allem um die Bewahrung des großen Geheimnisses, das darin besteht, das wir es nicht erkennen können, weil wir selbst Teil davon sind. Es geht nicht um die Dokumentation einer herkömmlichen Betrachtunsgweise. Es ist eine individuelle Sichtweise, die dazu dient, das Geheimnis der Schöpfung mit uns als Teil bewahren.

Sie fotografiert die Bäume teils als Motiv, teils sind die Fotografien aber subjektiv d.h. sie beziehe den Betrachter mit ein. Es wird nicht der Baum als Objekt, sondern die Situation des „mit dem Baum sein“ , das individuelle Erleben fotografisch eingefangen. Es ist eine sehr subjektive Sicht, völlig distanzlos so als ob der Wald und der Baum von einem anderem Baum als Teil einer Gemeinschaft fotografiert wurde.

Bitte beachten Sie die Perpektiven. Nie sind die Bäume von oben oder von unten, sondern mitten aus ihnen heraus fotografiert. Ellen Bornkessel fotografiert den Baum nicht als Motiv oder anschauliches Objekt, sondern das Erleben Wald bzw Baum aus seiner Mitte heraus. Ich will nicht esoterisch scheinen, aber sie fotografiert die Bäume wie Angehörige einer Gruppe deren Mitglied sie ist. Das ist das Zentrale und ungewöhnliche an den Aufnahmen, neben dem hohen Blick für fotografischen Augenblick, der Komposition, der Licht, Farbe, Bildrichtung und Form definiert. Ein Teil des Mystischen, des Magischen was ein Wald oder Baum an sich wird so mitgetragen. Wahrscheinlich ist das auch ihre Versöhnung mit der Natur.

Bornkessel liebt Inszenierungen, die keine sind. So auch bei dem Projekt „play“, wo sie Menschen des nachts in den Großstädten fotografierte, die abseits vom Konsum sich ihre Spielwiese Stadt zurückerobern.

Sie liebt Theater, hat viel Theater fotografiert und mag Momente, in denen sich Kontexte verschieben und Parallelwelten öffnen. Ihr Thema ist urbane Fotografie und es gibt Anleihen an die berühmten Fotografen Robert Adams und Robert Frank. Sie hat eine Affinität zu den „New Topographics“, amerikanische Stadtfotografie und neue Sachlichkeit, Fotografien von Menschen veränderten Landschaften

So ist auch „Embassy of trees“ einzuordnen. Es geht um Bäume am Stadtrand aufgenommen und in die Stadt platziert. Es ist eine Auseinandersetzung mit unserer urbanen veränderten Landschaft. So die Nähe zu der „New Topographics“ Richtung.

Sie mag es Alternativen zu zeigen Alternativen zum stromlinineförmigen kapitalistisch angepasstem Leben und sucht Transzendenzen und auch Versöhnung, das hat sie mit der Kirche gemeinsam. Ebenso möchte sie das Magische, das Tiefer dahinterliegende, vielleicht auch das Religiöse und hier ist sie durchaus katholisch, bewahren und ein freudiges Staunen ermöglichen.

Wenn Wolfgang Tillmans sagt „Ich mache Bilder, um die Welt zu erkennen“

würde Ellen Bornkessel sagen, „Ich mache Bilder, um das Geheimnis zu bewahren“!

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Fabian Lasarzik, Essen, Februar 2018

Prälat Josef Sauerborn I Domkapitular:

 

Vor der Westfassade der Kölner Doms hat die Kölner Künstlerin Ellen Bornkessel eine Fotoinstallation errichtet. Sie trägt den Namen „Embassy of Trees“, Botschaft der Bäume. So zeigen die großen Fotowände Baumgruppen und Bäume, aufgenommen im Umfeld von Köln. Die Fotos bringen die Bäume in die Stadt vor den Kölner Dom. Ellen Bornkessel wird die Botschaft der Bäume über mehrere Monate an verschiedenen Stellen der Stadt präsentieren. Am Dom hat sie bis Ende Februar ihren Platz. Im Deutschen hat ja Botschaft eine doppelte Bedeutung. Sie kann Embassy sein und inhaltliche Botschaft. Embassy also ist eine Botschaft und hat eine Botschaft. Ellen Bornkessel reklamiert das Recht des Ursprünglichen, der Bäume und der Natur für das Leben und Überleben der Menschen. Vor dem Dom tritt die Fotoinstallation für das Recht des Ursprünglichen ein.

Auch der Dom hat eine Botschaft und ist in gewissem Sinn eine Embassy, eine Embassy of God. Der Dom steht in dieser Stadt wie eine gewaltige pflanzliche Wucherung aus Stein. Sein Inneres prägen die Säulen und die Gewölbe. Wie Baumriesen ragen die Säulen mit ihren korinthischen Baumkronen in das Gewölbe und verbinden Himmel und Erde wie Bäume im Wald und am Straßenrand. Der Dom ist eine Botschaft Gottes mitten in dieser säkularen Welt. Er spricht in seiner durchaus befremdlichen Wirkung von einem Geheimnis jenseits der Berechenbarkeit. Er tritt ein für das Unverfügbare und Ursprüngliche, so auch für Wald und Baum.